Phänomenzugang – Familie 1 – Bereich 1 – Raum 88 – Selbstwertschutz durch Entwertungsvermeidung

1. Einstieg

Warum meide ich Situationen, in denen ich mich entwertet fühlen könnte?

Manche Situationen sind nicht nur unangenehm, unsicher oder herausfordernd. Sie enthalten die Möglichkeit, dass sich die eigene Einschätzung der eigenen Person verschlechtert.

Vielleicht verzichtest du darauf, etwas zu versuchen, bei dem dein Können sichtbar würde.

Du hältst dich in einer Diskussion zurück, obwohl du etwas beitragen könntest.

Du vermeidest einen Vergleich, eine Rückmeldung oder eine Situation, in der andere deine Leistung beurteilen könnten.

Oder du ziehst dich aus einem Zusammenhang zurück, sobald die Möglichkeit entsteht, schlecht abzuschneiden, abgelehnt zu werden oder einem eigenen Anspruch nicht zu entsprechen.

Von außen kann das wie gewöhnliche Unsicherheit oder allgemeine Vermeidung wirken. Für das Phänomen ist jedoch entscheidend, was durch die Vermeidung geschützt wird. Die Situation wird nicht allein deshalb begrenzt, weil sie unangenehm werden könnte. Relevant ist, dass ihr möglicher Ausgang die Bewertung der eigenen Person beeinträchtigen könnte. Der Rückzug verhindert damit nicht nur eine unerwünschte Erfahrung.

Er kann verhindern, dass eine mögliche Entwertung überhaupt wirksam wird.

3. Erscheinungsformen

Wie kann sich das Phänomen zeigen?

Selbstwertschutz kann sehr unterschiedliche Situationen betreffen.

Eine Person kann eine Aufgabe vermeiden, wenn ein mögliches Scheitern nicht nur als schlechtes Ergebnis, sondern als Aussage über den eigenen Wert erlebt würde.

Eine andere beteiligt sich weniger an Situationen, in denen Fähigkeiten öffentlich sichtbar und damit bewertbar werden.

Auch soziale Situationen können betroffen sein. Wer eine mögliche Zurückweisung stark mit der eigenen Wertigkeit verbindet, kann Nähe, Kontaktaufnahme oder Offenheit begrenzen, bevor überhaupt erkennbar wird, wie die andere Person reagieren würde.

Das Phänomen kann sich beispielsweise darin zeigen, dass:

  • bewertbare Situationen vermieden werden,
  • Herausforderungen trotz grundsätzlichen Interesses nicht angenommen werden,
  • Rückmeldungen oder Vergleiche gemieden werden,
  • eigene Beiträge zurückgehalten werden, wenn negative Bewertung möglich erscheint,
  • Situationen früh verlassen oder begrenzt werden, sobald Entwertung droht,
  • oder Möglichkeiten gar nicht erst verfolgt werden, wenn ein ungünstiger Ausgang selbstwertrelevant wäre.

Dabei muss die Entwertung nicht tatsächlich eintreten.

Für die Vermeidung kann bereits die Möglichkeit einer selbstwertmindernden Erfahrung ausreichen.

5. Abgrenzung

Was ist ähnlich, aber nicht dasselbe?

Externalisierung der Bewertungsinstanz

Bei PR-002 – Externalisierung der Bewertungsinstanz wird äußere Rückmeldung zur maßgeblichen Referenz der eigenen Bewertung.

Bei PR-088 steht dagegen der Schutz vor möglicher Entwertung im Mittelpunkt.

Eine externe Bewertungsinstanz kann eine Entwertungsgefahr erzeugen. Sie ist aber keine notwendige Voraussetzung: Auch das Verfehlen eines eigenen Maßstabs kann selbstwertbedrohlich sein.

Äußere Bewertungsabhängigkeit ≠ Vermeidung möglicher Selbstwertminderung.

Relative Selbstwertermittlung

Bei PR-003 – Relative Selbstwertermittlung hängt der eigene Wert davon ab, wie die eigene Position im Vergleich zu anderen erscheint.

Ein ungünstiger Vergleich kann deshalb eine mögliche Entwertung darstellen.

PR-088 erklärt jedoch nicht die Vergleichslogik selbst, sondern die Reaktion darauf, dass eine Situation den eigenen Wert mindern könnte.

Leistungsgebundene Selbstwertregulation

Bei PR-089 – Leistungsgebundene Selbstwertregulation wird Leistung zur Quelle der Selbstbewertung.

Dadurch kann ein möglicher Misserfolg selbstwertbedrohlich werden.

PR-088 setzt an einer anderen Stelle an:

PR-089: Leistung beeinflusst meinen Wert.

PR-088: Eine mögliche Entwertung meines Wertes führt dazu, dass ich die entsprechende Situation vermeide oder begrenze.

Selbstwertkompensation

Besonders wichtig ist die Abgrenzung zu PR-140 – Selbstwertkompensation.

PR-088 versucht, eine erwartete Entwertung gar nicht erst wirksam werden zu lassen.

PR-140 setzt dagegen an einem bereits bedrohten oder geschwächten Selbstwert an und gleicht diesen über eine andere Quelle positiver Selbstbewertung aus.

Die grundlegende Differenz lautet:

Entwertung vermeiden ≠ Entwertung ausgleichen.

Allgemeine Vermeidung

Nicht jede Vermeidung ist Selbstwertschutz.

Eine Situation kann wegen Gefahr, Aufwand, Überforderung, Unsicherheit oder erwarteter negativer Konsequenzen vermieden werden, ohne dass die eigene Wertigkeit betroffen ist.

PR-088 wird erst dann zum passenden Raum, wenn die zentrale erwartete negative Folge lautet:

Was dort geschieht, könnte meine Bewertung meiner eigenen Person mindern.

Wie Orientierung innerhalb des Phänomenzugangs entsteht

Phänomenenzugang
↓
Familie 1 – Selbst & innere Orientierung
↓
Bereich 1 – Selbstbewertung & Selbstwert
↓
Raum 88 – Selbstwertschutz durch Entwertungsvermeidung
↓
Ein Verweis in ein Subtypen, sowie drei ergänzende Verweis.

7.1 Direkte Perspektivvernetzung

Eine direkte Perspektivvernetzung bedeutet, dass der betreffende Mechanismus den Phänomenkern unmittelbar aus der spezifischen Perspektive seines Systems erklärt.

CORE → Selbstwertschutz durch Entwertungsvermeidung

CORE erklärt unmittelbar, warum Verhalten darauf ausgerichtet werden kann, Situationen zu vermeiden oder zu begrenzen, wenn deren möglicher Ausgang den eigenen Selbstwert mindern könnte.

DECISION → Verlustorientierte Bewertung

DECISION erklärt ergänzend, wie eine Option an Attraktivität verlieren kann, wenn ihr möglicher Ausgang als persönlicher Verlust oder als Entwertung der eigenen Person bewertet wird.