1. Einstieg
Warum versuche ich meine relative Position gegenüber anderen zu verbessern, damit ich mich selbst wertvoller erleben kann?
Manchmal verändert sich die Bewertung der eigenen Person nicht dadurch, dass sich die eigene Situation absolut verbessert.
Es kann bereits genügen, im Verhältnis zu anderen besser dazustehen.
Eine eigene Leistung wirkt bedeutsamer, wenn sie die Leistung anderer übertrifft. Eine Eigenschaft erscheint positiver, wenn sie im Vergleich besonders günstig ausfällt. Auch Status, Wissen, Anerkennung oder Erfolg können an selbstwertbezogener Bedeutung gewinnen, sobald daraus eine vorteilhafte relative Position entsteht.
Dabei geht es um mehr als den bloßen Vergleich.
Die relative Position wird selbst zu etwas, das verbessert, hervorgehoben oder günstig eingeordnet werden kann.
Der eigene Wert kann dadurch erhöht oder geschützt werden, dass die wahrgenommene Position gegenüber relevanten anderen günstiger ausfällt.
2. Definition
Was bezeichnet dieses Phänomen?
Selbstwerterhöhung durch relative Aufwertung bezeichnet Situationen, in denen der eigene Selbstwert erhöht oder geschützt wird, indem die wahrgenommene eigene Position gegenüber relevanten Vergleichspersonen oder Gruppen verbessert wird.
Entscheidend ist dabei die relative Verschiebung.
Nicht zwingend der absolute Zustand muss sich verändern.
Eine Person kann sich beispielsweise positiver bewerten, weil sie sich gegenüber einer anderen Person als erfolgreicher, kompetenter, attraktiver oder sozial besser positioniert erlebt.
Die Aufwertung kann dabei aus einer tatsächlichen Veränderung der relativen Position entstehen. Sie kann aber auch daraus hervorgehen, welche Vergleichsreferenz herangezogen oder wie die eigene Position interpretiert wird.
Der zentrale Phänomenkern lautet:
Eine günstigere relative Position wird zu einem Mittel, den eigenen Wert zu erhöhen oder gegen Entwertung abzusichern.
3. Erscheinungsformen
Wie kann sich das Phänomen zeigen?
Relative Aufwertung kann in sehr unterschiedlichen Lebensbereichen auftreten. Eine eigene Leistung kann besonders positiv erlebt werden, wenn deutlich wird, dass andere schlechter abgeschnitten haben. Eine Person kann verstärkt jene Merkmale beachten, bei denen sie gegenüber ihrem Umfeld günstig positioniert ist.
Auch die Wahl der Vergleichsreferenz kann relevant werden. Statt die eigene Situation nur absolut zu betrachten, kann gerade ein Vergleich gesucht oder hervorgehoben werden, der die eigene Position günstiger erscheinen lässt.
Das Phänomen kann sich beispielsweise darin zeigen, dass:
- ein Erfolg besonders wertvoll erscheint, weil andere ihn nicht erreicht haben,
- eine günstige Rangposition die Selbstbewertung erhöht,
- Unterschiede zu anderen hervorgehoben werden, wenn sie die eigene Position verbessern,
- Vergleichsmaßstäbe bevorzugt werden, unter denen die eigene Person günstig abschneidet,
- die Schwäche oder schlechtere Position anderer die eigene Selbstbewertung indirekt erhöht,
- oder eine bereits positive eigene Eigenschaft durch den Vergleich zusätzliche selbstwertbezogene Bedeutung erhält.
Gemeinsam ist diesen Erscheinungsformen:
Nicht allein der eigene Zustand ist selbstwertwirksam, sondern seine günstige Position innerhalb eines Vergleichsverhältnisses.
4. Differenzierung
Worin kann sich relative Aufwertung unterscheiden?
Gegenstand der Aufwertung
Die relative Position kann über unterschiedliche Merkmale bestimmt werden.
Dazu können Leistung, Kompetenz, Attraktivität, Wissen, Status, Anerkennung, Besitz oder andere persönlich relevante Merkmale gehören.
Art der relativen Verbesserung
Eine günstigere Position kann dadurch entstehen, dass sich die eigene Situation tatsächlich verbessert.
Sie kann aber auch daraus entstehen, dass eine andere Vergleichsreferenz gewählt oder die bestehende Relation anders eingeordnet wird.
Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz
Relative Aufwertung kann unterschiedliche Funktionen besitzen.
Sie kann einen bereits stabilen Selbstwert zusätzlich erhöhen.
Sie kann aber auch dazu beitragen, eine drohende negative Selbstbewertung abzufangen oder einen beeinträchtigten Selbstwert wieder günstiger einzuordnen.
Bedeutung der Vergleichsperson
Nicht jede Person ist als Referenz gleichermaßen relevant.
Vergleiche mit Personen oder Gruppen, deren Eigenschaften, Leistungen oder soziale Position für die eigene Selbstbewertung bedeutsam sind, können eine stärkere Wirkung entfalten.
Stärke der Aufwertungswirkung
Eine günstige relative Position kann lediglich kurzfristige Zufriedenheit erzeugen oder einen erheblichen Einfluss auf die Bewertung der eigenen Person erhalten.
Damit variiert, wie eng relative Position und Selbstwert miteinander verbunden sind.
5. Abgrenzung
Was ist ähnlich, aber nicht dasselbe?
Raum 3 – Relative Selbstwertermittlung
Die wichtigste Abgrenzung besteht zu Raum 3 – Relative Selbstwertermittlung.
Dort wird der eigene Wert grundsätzlich über die relative Position gegenüber anderen bestimmt.
Raum 90 beschreibt dagegen eine gerichtete Regulationsbewegung: Eine günstigere relative Position erhöht oder schützt den eigenen Wert.
Damit gilt:
Raum 3: Wie stehe ich relativ zu anderen da – und was bedeutet das für meinen Wert?
Raum 90: Wie kann eine günstigere relative Position meinen Selbstwert erhöhen oder schützen?
Relative Bewertung ≠ relative Aufwertung.
Raum 89 – Leistungsgebundene Selbstwertregulation
Bei Raum 89 beeinflusst Leistung den eigenen Wert.
Raum 90 setzt dagegen eine relative Relation voraus.
Eine bessere Leistung ist hier nicht allein deshalb selbstwertwirksam, weil sie gut ist, sondern weil sie die eigene Position gegenüber einer relevanten Referenz verbessert.
Raum 88 – Selbstwertschutz durch Entwertungsvermeidung
Bei Raum 88 wird versucht, eine Situation zu vermeiden oder zu begrenzen, deren Ausgang den eigenen Wert mindern könnte.
Raum 90 arbeitet anders:
Nicht die mögliche Entwertung wird primär vermieden, sondern eine günstigere relative Position kann zur Erhöhung oder Stabilisierung des Selbstwertes beitragen.
Raum 140 – Selbstwertkompensation
Bei Raum 140 wird eine bestehende Selbstwertbeeinträchtigung über eine andere Quelle positiver Selbstbewertung ausgeglichen.
Relative Aufwertung kann zwar kompensatorisch eingesetzt werden. Das macht beide Phänomene jedoch nicht identisch.
Raum 90 bestimmt die Form der Aufwertung: Verbesserung der relativen Position.
Raum 140 bestimmt die funktionale Relation: Ausgleich einer Selbstwertbeeinträchtigung durch eine andere positive Quelle.
6. Erklärungsoffenheit
Was die Beschreibung noch nicht erklärt
Dass eine günstigere relative Position den eigenen Selbstwert erhöhen kann, beschreibt zunächst das Phänomen.
Offen bleibt, warum gerade relative Aufwertung selbstwertwirksam wird.
Warum kann es einen Unterschied machen, nicht nur gut, sondern besser als andere zu sein?
Warum können Veränderungen gegenüber einer Vergleichsgruppe den eigenen Wert beeinflussen, obwohl sich der absolute Zustand kaum verändert?
Wie werden Handlungsoptionen danach bewertet, ob sie die eigene relative Position verbessern?
Und wie kann die Verarbeitung selbstbezogener Informationen dazu beitragen, die eigene Position günstiger wahrzunehmen oder einzuordnen?
Diese Fragen führen zu mehreren voneinander unterscheidbaren Mechanismen.
Der gemeinsame Phänomenkern bleibt:
Der eigene Selbstwert wird erhöht oder geschützt, indem die wahrgenommene relative Position gegenüber relevanten anderen günstiger wird.
Wie Orientierung innerhalb des Phänomenzugangs entsteht
Phänomenenzugang
↓
Familie 1 – Selbst & innere Orientierung
↓
Bereich 1 – Selbstbewertung & Selbstwert
↓
Raum 90 – Selbstwerterhöhung durch relative Aufwertung
↓
Ein Verweis in ein Subtypen, sowie drei ergänzende Verweise.

7. Mechanistische Erklärung
Welche Mechanismen erklären oder beeinflussen dieses Phänomen?
7.1 Direkte Perspektivvernetzung
Eine direkte Perspektivvernetzung bedeutet, dass der betreffende Mechanismus den Phänomenkern unmittelbar aus der spezifischen Perspektive seines Systems erklärt.
CORE → Selbstwerterhöhung durch Aufwertung
CORE erklärt unmittelbar, warum Verhalten auf eine günstigere relative Position ausgerichtet werden kann, wenn diese dazu beiträgt, den eigenen Selbstwert zu erhöhen oder zu stabilisieren.

7.2 Ergänzende mechanistische Vernetzung
Ergänzende Verbindungen erklären nicht den gesamten PR. Sie zeigen zusätzliche Mechanismen, die seine Entstehung, Stärke, Stabilisierung, Ausprägung oder Folgen beeinflussen können.

MIRROR → Relative Bewertungslogik
MIRROR erklärt ergänzend, warum die eigene Position gegenüber einer Vergleichsgruppe überhaupt zu einer relevanten Bewertungsreferenz werden und dadurch eine relative Verbesserung selbstwertbezogene Bedeutung erhalten kann.
DECISION → Vergleichsbasierte Bewertung
DECISION erklärt ergänzend, wie Handlungsoptionen oder Ergebnisse danach bewertet werden können, ob sie die eigene Position gegenüber einer relevanten Vergleichsreferenz verbessern oder verschlechtern.


PERCEPTION → Selbstbegünstigende Bewertung
PERCEPTION erklärt ergänzend, wie positive selbstbezogene Informationen stärker und negative Informationen schwächer gewichtet werden können und dadurch eine günstige Einordnung der eigenen relativen Position zusätzlich unterstützt werden kann.
