1. Einstieg
Warum hängt mein Gefühl für meinen eigenen Wert davon ab, was ich leiste?
Eine Leistung kann mehr bedeuten als das Ergebnis einer Aufgabe.
Wenn etwas gelingt, kann sich nicht nur die Einschätzung der eigenen Fähigkeit verbessern. Auch die Bewertung der eigenen Person kann positiver werden. Man fühlt sich wertvoller, anerkannter oder stärker mit sich selbst im Reinen.
Umgekehrt kann ein Misserfolg weit über das konkrete Ergebnis hinausreichen.
Eine schlechte Bewertung, ein nicht erreichtes Ziel oder eine Phase geringerer Leistungsfähigkeit kann dann nicht nur bedeuten: Das ist mir nicht gelungen.
Sie kann sich anfühlen wie: Mit mir selbst stimmt dadurch etwas weniger.
Damit verändert sich die Funktion von Leistung. Sie informiert nicht mehr nur darüber, wie erfolgreich eine Handlung war oder wie gut eine bestimmte Fähigkeit ausgeprägt ist.
Sie wird zu einer Quelle für die Regulation des eigenen Wertes.
2. Definition
Was bezeichnet dieses Phänomen?
Leistungsgebundene Selbstwertregulation bezeichnet Situationen, in denen der eigene Selbstwert wesentlich davon beeinflusst wird, ob persönlich relevante Leistungen erbracht, Ziele erreicht oder Leistungsmaßstäbe erfüllt werden.
Leistung erhält dabei eine selbstwertbezogene Funktion.
Ein Erfolg kann den eigenen Wert bestätigen oder erhöhen. Ein Misserfolg kann ihn infrage stellen oder mindern.
Entscheidend ist deshalb nicht, dass Leistung für eine Person wichtig ist. Menschen können ehrgeizig sein, hohe Ansprüche verfolgen oder sich über gute Ergebnisse freuen, ohne ihren eigenen Wert daran zu binden.
Der Phänomenkern entsteht erst dort, wo sich die Bedeutung des Ergebnisses von der Leistung auf die Person ausweitet:
Wie gut etwas gelingt, beeinflusst, wie wertvoll die eigene Person erlebt oder bewertet wird.
3. Erscheinungsformen
Wie kann sich das Phänomen zeigen?
Leistungsgebundene Selbstwertregulation kann überall dort auftreten, wo Ergebnisse für die eigene Person eine besondere Bewertungsfunktion erhalten.
Nach einem gelungenen Projekt kann nicht nur Zufriedenheit mit dem Ergebnis entstehen, sondern ein deutlich positiveres Gefühl gegenüber der eigenen Person.
Eine schlechte Prüfung kann nicht nur als Wissenslücke oder unzureichende Vorbereitung erlebt werden, sondern als persönliche Abwertung.
Auch im Alltag können Produktivität, körperliche Leistung, kreative Ergebnisse oder das Erreichen selbst gesetzter Ziele selbstwertbezogene Bedeutung annehmen.
Das Phänomen kann sich beispielsweise darin zeigen, dass:
- Erfolge den eigenen Wert deutlich erhöhen,
- Misserfolge die Selbstbewertung überproportional beeinträchtigen,
- Phasen geringer Produktivität mit einer negativeren Bewertung der eigenen Person einhergehen,
- Zielerreichung benötigt wird, um sich mit sich selbst zufrieden zu fühlen,
- Leistungsmaßstäbe über ihre sachliche Funktion hinaus persönliche Bedeutung erhalten,
- oder die Selbstbewertung stark mit aktuellen Erfolgen und Misserfolgen schwankt.
Die konkreten Leistungsbereiche können verschieden sein.
Gemeinsam ist ihnen:
Leistung reguliert nicht nur die Bewertung eines Ergebnisses, sondern wirkt auf die Bewertung der eigenen Person zurück.
4. Differenzierung
Worin kann sich leistungsgebundene Selbstwertregulation unterscheiden?
Art der Leistung
Selbstwert kann an sehr unterschiedliche Leistungsbereiche gekoppelt werden.
Relevant können schulische oder berufliche Ergebnisse sein, aber ebenso sportliche, kreative, soziale, organisatorische oder selbst gesetzte persönliche Leistungen.
Entscheidend ist nicht der Bereich, sondern seine selbstwertbezogene Bedeutung.
Richtung der Wirkung
Leistung kann den Selbstwert in beide Richtungen beeinflussen.
Erfolg kann ihn bestätigen oder erhöhen. Misserfolg kann ihn schwächen.
Bei manchen Personen ist vor allem die positive Bestätigung relevant, bei anderen fällt die selbstwertmindernde Wirkung des Scheiterns stärker aus.
Stärke der Bindung
Auch die Kopplung zwischen Leistung und Selbstwert kann unterschiedlich ausgeprägt sein.
Ein Ergebnis kann die Selbstbewertung kurzfristig beeinflussen oder zu einer zentralen Grundlage dafür werden, wie die eigene Person insgesamt bewertet wird.
Maßstab der Leistung
Leistung kann an äußeren Anforderungen, eigenen Ansprüchen oder konkreten Zielwerten gemessen werden.
Damit Leistung selbstwertrelevant wird, muss nicht zwingend eine andere Person an der Bewertung beteiligt sein.
Reichweite der Selbstbewertung
Ein Misserfolg kann auf den betreffenden Bereich begrenzt bleiben:
Diese Aufgabe ist mir nicht gelungen.
Oder er kann auf die eigene Person ausgeweitet werden:
Weil mir diese Aufgabe nicht gelungen ist, bewerte ich mich selbst negativer.
Gerade diese Ausweitung ist für den Phänomenraum zentral.
5. Abgrenzung
Was ist ähnlich, aber nicht dasselbe?
Raum 88 – Selbstwertschutz durch Entwertungsvermeidung
Bei Raum 88 werden Situationen vermieden oder begrenzt, weil ihr möglicher Ausgang den eigenen Selbstwert mindern könnte.
Bei Raum 89 steht dagegen die Bindung des Selbstwertes an Leistung selbst im Mittelpunkt.
Die beiden Phänomene können aufeinander aufbauen: Wenn Leistung den eigenen Wert reguliert, kann ein möglicher Misserfolg selbstwertbedrohlich werden und Vermeidung begünstigen.
Trotzdem bleibt die Differenz:
Leistung als Selbstwertquelle ≠ Schutz vor einer möglichen Selbstwertminderung.
Raum 90 – Selbstwerterhöhung durch relative Aufwertung
Bei Raum 90 entsteht eine günstigere Selbstbewertung über eine Verbesserung oder günstige Interpretation der eigenen relativen Position.
Raum 89 benötigt dagegen keinen Vergleich mit anderen.
Eine Leistung kann selbstwertsteigernd wirken, weil ein persönlich bedeutsames Ziel erreicht wurde – unabhängig davon, wie andere abschneiden.
Raum 3 – Relative Selbstwertermittlung
Bei Raum 3 wird der eigene Wert anhand der relativen Position gegenüber anderen bestimmt.
Leistung kann dabei als Vergleichsdimension dienen.
Bei Raum 89 ist dagegen die Leistung selbst selbstwertrelevant. Ob sie besser oder schlechter als die Leistung anderer ausfällt, ist für den Phänomenkern nicht entscheidend.
Raum 140 – Selbstwertkompensation
Bei Raum 140 wird ein bereits beeinträchtigter oder bedrohter Selbstwert über eine andere Quelle positiver Selbstbewertung ausgeglichen.
Bei Raum 89 ist Leistung dagegen unmittelbar an die Selbstwertregulation gekoppelt.
Leistung muss hier also nicht erst als Reaktion auf eine vorherige Entwertung eingesetzt werden.
Kompetenzbewertung
Eine Person kann aus einer guten oder schlechten Leistung auf ihre Fähigkeit schließen.
Das betrifft zunächst die Einschätzung der eigenen Kompetenz.
Raum 89 beginnt dort, wo die Bedeutung darüber hinausgeht:
Nicht nur „Wie gut kann ich das?“, sondern die Bewertung von „Wie viel bin ich wert?“ verändert sich mit der Leistung.
6. Erklärungsoffenheit
Was die Beschreibung noch nicht erklärt
Dass Erfolg und Misserfolg den eigenen Selbstwert verändern können, beschreibt zunächst das Phänomen.
Damit ist noch nicht erklärt, warum Leistung überhaupt eine selbstwertregulierende Funktion erhält.
Warum bleibt ein Ergebnis nicht auf die Bewertung einer einzelnen Handlung oder Fähigkeit begrenzt?
Warum kann das Erreichen eines Ziels die Bewertung der gesamten eigenen Person stabilisieren oder erhöhen?
Warum kann ein Misserfolg umgekehrt mehr bedeuten als die Information, dass etwas nicht gelungen ist?
Und unter welchen Bedingungen werden Leistungsmaßstäbe so eng mit der eigenen Wertigkeit verbunden, dass Veränderungen der Leistung unmittelbar auf die Selbstbewertung zurückwirken?
Diese Fragen führen von der beobachtbaren Kopplung zwischen Leistung und Selbstwert zu den Mechanismen, die diese Kopplung erklären.
Der gemeinsame Phänomenkern bleibt:
Der eigene Wert wird über Leistung mitreguliert, sodass Erfolg und Misserfolg über ihre sachliche Bedeutung hinaus auf die Bewertung der eigenen Person zurückwirken.
Wie Orientierung innerhalb des Phänomenzugangs entsteht
Phänomenenzugang
↓
Familie 1 – Selbst & innere Orientierung
↓
Bereich 1 – Selbstbewertung & Selbstwert
↓
Raum 89 – Leistungsgebundene Selbstwertregulation
↓
Ein Verweis in ein Subtypen, sowie drei ergänzende Verweise.

7. Mechanistische Erklärung
Welche Mechanismen erklären oder beeinflussen dieses Phänomen?
7.1 Direkte Perspektivvernetzung
Eine direkte Perspektivvernetzung bedeutet, dass der betreffende Mechanismus den Phänomenkern unmittelbar aus der spezifischen Perspektive seines Systems erklärt.
CORE → Leistungsgebundene Selbstwertregulation
CORE erklärt unmittelbar, wie Leistung zu einer Referenz für den eigenen Selbstwert werden kann, sodass Erfolg und Misserfolg nicht nur das Ergebnis einer Handlung, sondern zugleich die Bewertung der eigenen Person beeinflussen.

7.2 Ergänzende mechanistische Vernetzung
Ergänzende Verbindungen erklären nicht den gesamten PR. Sie zeigen zusätzliche Mechanismen, die seine Entstehung, Stärke, Stabilisierung, Ausprägung oder Folgen beeinflussen können.

MIRROR → Leistungsbewertung
MIRROR erklärt ergänzend, wie äußere Leistungsordnungen bestimmen können, welche Leistungen sichtbar, bewertbar und sozial relevant werden und dadurch überhaupt als mögliche Referenzen für den eigenen Selbstwert zur Verfügung stehen.
MIRROR → Erfolgsnarrative
MIRROR erklärt ergänzend, wie gesellschaftliche Vorstellungen von Erfolg mitbestimmen können, welche Leistungen persönlich als wertrelevant erscheinen und dadurch besondere Bedeutung für die eigene Selbstbewertung erhalten.


PERCEPTION → Selbstrelevanzgewichtung
PERCEPTION erklärt ergänzend, wie Leistungsinformationen stärker gewichtet werden können, wenn sie als Aussage über die eigene Person verstanden werden, und dadurch einen größeren Einfluss auf die Selbstbewertung erhalten.
