1. Einstieg
Wovon hängt ab, wie wertvoll du dich selbst erlebst?
Die Bewertung der eigenen Person kann sich sehr stabil anfühlen. Sie kann sich aber auch verändern – manchmal deutlich schneller, als sich an der Person selbst oder an ihrer äußeren Situation etwas verändert hat.
Eine positive Rückmeldung kann die eigene Bewertung anheben. Ein Vergleich kann sie verschieben. Erfolg oder Misserfolg können plötzlich mehr bedeuten als nur das Ergebnis einer einzelnen Handlung. Zugehörigkeit kann damit verbunden sein, sich selbst anders zu bewerten. Und eine Bedrohung des eigenen Selbstwerts kann relevant werden, noch bevor überhaupt eine tatsächliche Abwertung stattgefunden hat.
Selbstbewertung & Selbstwert umfasst solche Phänomene, bei denen die eigene Person hinsichtlich ihres Wertes eingeordnet wird.
Dabei geht es nicht darum, welchen Wert eine Person objektiv besitzt. Es geht darum, wie die eigene Person ihren eigenen Wert bewertet und unter welchen Bedingungen diese Bewertung stabil bleibt, sich verändert, geschützt oder ausgeglichen wird.
2. Definition
Was bezeichnet Selbstbewertung & Selbstwert?
Selbstbewertung entsteht dort, wo nicht nur einzelne Eigenschaften, Fähigkeiten, Entscheidungen oder Ergebnisse beurteilt werden, sondern diese Bewertungen mit der Einschätzung der eigenen Person hinsichtlich ihres Wertes verbunden sind.
Diese Einschätzung muss nicht unter allen Bedingungen gleich bleiben.
Sie kann vergleichsweise stabil sein oder deutlich schwanken. Sie kann stärker aus der eigenen Bewertung hervorgehen oder eng mit den Reaktionen anderer verbunden sein. Der eigene Wert kann relativ zu anderen eingeordnet, an Leistung gekoppelt oder mit dem Erleben sozialer Zugehörigkeit verbunden werden. Mögliche Entwertung kann vermieden werden, und eine bedrohte Selbstbewertung kann mit positiven Bewertungen in anderen Bereichen einhergehen.
Der Begriff Selbstwert bezeichnet in diesem Bereich deshalb nicht einfach einen einzelnen positiven oder negativen Zustand. Der Phänomenraum umfasst unterschiedliche Formen, in denen die eigene Wertbewertung gebildet, verändert, abgesichert oder ausgeglichen werden kann.
Eine Person kann sich beispielsweise ihrer Fähigkeiten unsicher sein, ohne deshalb ihren gesamten Wert infrage zu stellen. Umgekehrt kann ein einzelner Misserfolg für eine andere Person unmittelbar mit einer negativeren Bewertung ihrer selbst verbunden sein.
Entscheidend ist damit nicht allein, was bewertet wird, sondern welche Bedeutung diese Bewertung für die Einordnung des eigenen Wertes erhält.
3. Grundstruktur
Auf welche Weise kann sich Selbstbewertung unterscheiden?
Die Phänomene dieses Bereichs lassen sich über mehrere grundlegende Fragen voneinander unterscheiden.
Stabilität – Wie beständig ist meine Bewertung von mir selbst?
Selbstbewertung kann über unterschiedliche Situationen hinweg relativ stabil bleiben. Sie kann aber auch schwanken, obwohl sich die relevanten äußeren Bedingungen kaum verändert haben.
Die Frage richtet sich dann zunächst darauf, wie stabil die eigene Wertbewertung überhaupt ist.
Bezugsquelle – Woran orientiert sich meine Selbstbewertung?
Die eigene Wertbewertung kann mit unterschiedlichen Bezugsgrößen verbunden sein.
Relevant können beispielsweise die Reaktionen anderer, die eigene Position im Vergleich mit anderen, persönliche Leistung oder das Erleben sozialer Zugehörigkeit sein.
Damit unterscheiden sich Phänomene nicht nur danach, ob sich Selbstbewertung verändert, sondern auch danach, womit diese Veränderung verbunden ist.
Bedrohung – Was geschieht angesichts möglicher Entwertung?
Selbstwertphänomene werden nicht erst sichtbar, nachdem eine negative Bewertung eingetreten ist.
Auch die Möglichkeit einer Situation, in der die eigene Person anschließend als weniger wertvoll erlebt werden könnte, kann selbst zum relevanten Phänomen werden.
Damit rückt die Frage in den Vordergrund, wie mit möglicher Entwertung umgegangen wird.
Aufwertung – Wann wird die eigene Person günstiger bewertet?
Vergleich muss nicht nur mit einer negativeren Selbstbewertung verbunden sein.
Eine als günstig wahrgenommene eigene Position gegenüber anderen kann ebenfalls damit einhergehen, die eigene Person positiver einzuordnen.
Damit lässt sich gesondert fragen, unter welchen Bedingungen relative Aufwertung mit Selbstwerterhöhung verbunden ist.
Ausgleich – Was geschieht, wenn eine Quelle positiver Selbstbewertung bedroht ist?
Die Bewertung der eigenen Person muss nicht ausschließlich an einem einzigen Bereich hängen.
Wird eine Quelle positiver Selbstbewertung bedroht, kann eine andere Quelle stärker hervortreten. Erfolg, Anerkennung oder eine positive Einordnung in einem anderen Bereich können dann mit einer Stabilisierung der eigenen Wertbewertung verbunden sein.
Hier geht es um Ausgleich zwischen unterschiedlichen Quellen der Selbstbewertung.
4. Abgrenzung
Was ist ähnlich, aber nicht dasselbe?
Selbstwert steht häufig mit anderen Formen der Selbstorientierung in Verbindung. Für die Einordnung ist deshalb entscheidend, den eigentlichen Verständnisgegenstand zu bestimmen.
Selbstwert ist nicht dasselbe wie Identität
„Wie bewerte ich mich?“ und „Wer bin ich?“ sind zwei unterschiedliche Fragen.
Eine Person kann ein relativ stabiles Bild davon besitzen, wer sie ist, und sich trotzdem zeitweise deutlich positiver oder negativer bewerten.
Umgekehrt kann sich ein Selbstbild verändern, ohne dass damit zwingend eine entsprechende Veränderung des eigenen Wertempfindens verbunden sein muss.
Wenn die Frage darauf gerichtet ist, wie wertvoll die eigene Person erlebt wird, liegt der Schwerpunkt bei Selbstbewertung und Selbstwert.
Wenn dagegen verstanden werden soll, wie die eigene Person definiert wird und was zum eigenen Selbstbild gehört, führt die Frage zu Selbstbild, Identität & Selbstkonsistenz.
Selbstwert ist nicht dasselbe wie Kompetenz
Auch „Wie wertvoll bin ich?“ und „Was kann ich?“ müssen getrennt werden.
Eine Person kann ihre Fähigkeiten in einem bestimmten Bereich als gering einschätzen, ohne deshalb ihren Wert als Person entsprechend geringer zu bewerten.
Ebenso kann eine Person ihre Kompetenz positiv einschätzen und dennoch eine instabile oder negative Selbstbewertung besitzen.
Beide Ebenen können allerdings miteinander verbunden sein. Wenn Erfolg, Misserfolg oder wahrgenommene Kompetenz unmittelbar damit zusammenhängen, wie wertvoll die eigene Person erlebt wird, entsteht ein Selbstwertphänomen.
Die Verbindung zwischen beiden Ebenen hebt ihre Unterscheidung deshalb nicht auf.
Selbstwert ist nicht dasselbe wie die Bewertung durch andere
Eine andere Person kann jemanden loben, kritisieren, anerkennen oder abwerten. Das beschreibt zunächst eine äußere soziale Bewertung.
Für Selbstbewertung & Selbstwert wird relevant, was mit der eigenen Bewertung der eigenen Person geschieht.
Eine negative Reaktion anderer muss die Selbstbewertung nicht verändern. Umgekehrt kann dieselbe Reaktion bei einer anderen Person eng damit verbunden sein, wie sie ihren eigenen Wert einordnet.
Äußere Bewertung und Selbstbewertung können deshalb miteinander verbunden sein, sind aber nicht dasselbe Phänomen.
Wie Orientierung innerhalb des Phänomenzugangs entsteht
Phänomenenzugang
↓
Familie 1 – Selbst & innere Orientierung
↓
Bereich 1 – Selbstbewertung & Selbstwert
↓
8 Phänomenräume
↓
X Verweise in die Subtypen

5. Phänomenräume
Was möchtest du genauer verstehen?
Innerhalb von Selbstbewertung & Selbstwert lassen sich acht unterschiedliche Phänomenräume unterscheiden.
5.1 Interne Bewertungsinstabilität
Warum schwankt meine Bewertung von mir selbst, obwohl sich äußerlich kaum etwas verändert hat?
Die eigene Selbstbewertung verändert sich deutlich, obwohl die relevanten äußeren Bedingungen vergleichsweise stabil bleiben.
Im Mittelpunkt steht damit zunächst nicht eine bestimmte äußere Ursache, sondern die Instabilität der eigenen Wertbewertung selbst.


5.2 Externalisierung der Bewertungsinstanz
Warum hängt meine Einschätzung von mir so stark davon ab, wie andere reagieren?
Die Bewertung der eigenen Person ist eng damit verbunden, welche Rückmeldungen, Reaktionen oder Bewertungen von außen wahrgenommen werden.
Der Phänomenraum richtet sich darauf, dass die eigene Wertbewertung nicht unabhängig von diesen äußeren Bewertungsbezügen erlebt wird.
5.3 Relative Selbstwertermittlung
Warum verändert ein Vergleich mit anderen, wie ich mich selbst bewerte?
Der eigene Wert wird relativ zur wahrgenommenen Position gegenüber anderen Personen oder relevanten Vergleichsgruppen eingeordnet.
Entscheidend ist hier nicht lediglich, dass ein Vergleich stattfindet, sondern dass die relative Position mit der Bewertung der eigenen Person verbunden ist.


5.4 Selbstwertschutz durch Entwertungsvermeidung
Warum meide ich Situationen, in denen ich mich weniger wertvoll fühlen könnte?
Bestimmte Situationen werden vermieden oder begrenzt, wenn sie mit der Möglichkeit verbunden sind, die eigene Person anschließend negativer zu bewerten.
Das Phänomen liegt damit bereits in der Bedeutung einer möglichen Selbstwertbedrohung, nicht erst in einer tatsächlich eingetretenen Entwertung.
5.5 Leistungsgebundene Selbstwertregulation
Warum verändert Erfolg oder Misserfolg, wie wertvoll ich mich fühle?
Leistung, Erfolg, Misserfolg oder wahrgenommene Kompetenz stehen in unmittelbarer Verbindung mit der Bewertung des eigenen Wertes.
Eine einzelne Leistung bleibt damit nicht ausschließlich eine Aussage darüber, wie gut etwas gelungen ist, sondern erhält Bedeutung für die Bewertung der eigenen Person.


5.6 Selbstwerterhöhung durch relative Aufwertung
Warum kann eine bessere Position gegenüber anderen meine Selbstbewertung erhöhen?
Eine als günstig wahrgenommene relative Position gegenüber anderen Personen oder Gruppen geht mit einer positiveren Bewertung der eigenen Person einher.
Der Schwerpunkt liegt hier auf der Selbstwerterhöhung durch relative Aufwertung und nicht allgemein auf sozialem Vergleich.
5.7 Zugehörigkeitsgebundene Selbstwertbildung
Warum beeinflusst Zugehörigkeit, wie ich mich selbst bewerte?
Das Erleben, einer relevanten sozialen Gruppe oder Beziehung zuzugehören, ist mit der Bewertung des eigenen Wertes verbunden. Verändert sich das Erleben von Zugehörigkeit, kann sich damit auch die eigene Wertbewertung verändern.
Im Mittelpunkt steht nicht die soziale Beziehung für sich, sondern ihre Verbindung mit der Bewertung der eigenen Person.


5.8 Selbstwertkompensation
Warum kann Bestätigung in einem anderen Bereich einen bedrohten Selbstwert ausgleichen?
Eine bedrohte oder negativ veränderte Selbstbewertung kann mit einer stärkeren Orientierung an einer anderen Quelle positiver Selbstbewertung einhergehen.
Eine negative Erfahrung in einem Bereich wird dadurch nicht ungeschehen. Relevant ist vielmehr, dass eine andere positive Bewertungsquelle für die Gesamtbewertung der eigenen Person an Bedeutung gewinnt.
