Phänomenzugang – Familie 1 – Bereich 1 – Raum 140 – Selbstwertkompensation

1. Einstieg

Warum gleiche ich bedrohten Selbstwert durch Erfolg oder Aufwertung in einem anderen Bereich aus?

Eine negative Erfahrung muss nicht dort verarbeitet werden, wo sie entstanden ist.

Vielleicht erlebst du einen Misserfolg in einem Bereich, der für deine Selbstbewertung wichtig ist. Kurz darauf gewinnt etwas anderes auffällig an Bedeutung: eine Leistung, eine Fähigkeit, soziale Anerkennung, Status oder ein Bereich, in dem du dich besonders positiv bewerten kannst. Der ursprüngliche Misserfolg ist dadurch nicht verschwunden.

Trotzdem kann die positive Bewertung an anderer Stelle dazu beitragen, dass sich die eigene Person insgesamt wieder weniger entwertet anfühlt. Der Selbstwert wird dann nicht dadurch stabilisiert, dass die ursprüngliche Bedrohung beseitigt wird.

Stattdessen übernimmt eine andere Quelle positiver Selbstbewertung eine ausgleichende Funktion.

Genau darin liegt der Kern der Selbstwertkompensation.

3. Erscheinungsformen

Wie kann sich das Phänomen zeigen?

Selbstwertkompensation kann sehr unterschiedliche Formen annehmen.

Nach einem beruflichen Misserfolg kann beispielsweise ein anderer Bereich stärker betont werden, in dem die eigene Person als erfolgreich oder kompetent erlebt wird.

Eine soziale Zurückweisung kann dazu führen, dass Anerkennung in einem anderen sozialen Zusammenhang besonders bedeutsam wird.

Auch ein ungünstiger Vergleich in einem Lebensbereich kann durch die Hervorhebung einer eigenen Stärke in einem anderen Bereich ausgeglichen werden.

Das Phänomen kann sich beispielsweise darin zeigen, dass:

  • nach einer Entwertung andere eigene Stärken besonders wichtig werden,
  • Erfolg in einem anderen Bereich die negative Selbstbewertung abmildert,
  • Anerkennung an einer Stelle einen Selbstwertverlust an anderer Stelle ausgleicht,
  • nach einem ungünstigen Vergleich ein Bereich gesucht oder hervorgehoben wird, in dem die eigene Position günstiger ist,
  • eine bedrohte Selbstbewertung die Bedeutung alternativer positiver Selbstwertquellen erhöht,
  • oder ein bereits vorhandener positiver Bereich verstärkt zur Stabilisierung des eigenen Wertes herangezogen wird.

Gemeinsam ist diesen Situationen:

Die positive Selbstbewertung entsteht nicht notwendig dort, wo die Selbstwertbedrohung entstanden ist, sondern übernimmt an anderer Stelle eine ausgleichende Funktion.

5. Abgrenzung

Was ist ähnlich, aber nicht dasselbe?

Raum 88 – Selbstwertschutz durch Entwertungsvermeidung

Bei Raum 88 wird versucht, eine mögliche Selbstwertbedrohung gar nicht erst wirksam werden zu lassen.

Raum 140 setzt dagegen bei einem bereits bedrohten oder instabilen Selbstwert an.

Die zentrale Differenz lautet:

Raum 88: Entwertung vermeiden.
Raum 140: Entwertung ausgleichen.

Raum 89 – Leistungsgebundene Selbstwertregulation

Bei Raum 89 ist Leistung grundsätzlich eine Quelle der Selbstwertregulation.

Bei Raum 140 kann Leistung ebenfalls kompensatorisch eingesetzt werden. Sie erhält diese Funktion jedoch als Reaktion auf eine Selbstwertbedrohung an anderer Stelle.

Damit ist nicht die Art der positiven Quelle entscheidend, sondern ihre Ausgleichsfunktion.

Raum 90 – Selbstwerterhöhung durch relative Aufwertung

Bei Raum 90 erhöht oder stabilisiert eine günstigere relative Position den eigenen Selbstwert.

Eine vorausgehende Selbstwertbedrohung ist dafür nicht erforderlich.

Bei Raum 140 kann relative Aufwertung dagegen ein möglicher Kompensationsweg sein: Eine günstigere Position gegenüber anderen gleicht eine zuvor entstandene Selbstwertbeeinträchtigung aus. Genau diese Unterscheidung wird auch in der hinterlegten Architektur ausdrücklich festgehalten.

Funktionaler Defizitausgleich

Nicht jeder Ausgleich ist Selbstwertkompensation.

Ein Defizit kann durch eine alternative Ressource funktional ausgeglichen werden, ohne dass die Bewertung der eigenen Person betroffen ist.

Raum 140 verlangt dagegen, dass der Selbstwert selbst Gegenstand des Ausgleichs ist.

Überkompensation

Selbstwertkompensation verlangt außerdem keine Übersteigerung.

Eine alternative Selbstwertquelle kann ausreichend sein, um die bedrohte Bewertung zu stabilisieren.

Erst wenn der kompensierende Bereich über das für den Ausgleich erforderliche Maß hinaus entwickelt wird, kann eine überkompensatorische Dynamik vorliegen. Die Architektur hält beide Phänomene deshalb ausdrücklich getrennt.

Wie Orientierung innerhalb des Phänomenzugangs entsteht

Phänomenenzugang
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Familie 1 – Selbst & innere Orientierung
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Bereich 1 – Selbstbewertung & Selbstwert
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Raum 140 – Selbstwertkompensation
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Ein Verweis in ein Subtypen, sowie drei ergänzende Verweise.

7.1 Direkte Perspektivvernetzung

Eine direkte Perspektivvernetzung bedeutet, dass der betreffende Mechanismus den Phänomenkern unmittelbar aus der spezifischen Perspektive seines Systems erklärt.

CORE → Selbstwertkompensation

CORE erklärt unmittelbar, warum Verhalten auf eine alternative Quelle positiver Selbstbewertung ausgerichtet werden kann, wenn der eigene Selbstwert an anderer Stelle bedroht oder geschwächt wurde.

PERCEPTION → Selbstbildschutz

PERCEPTION erklärt ergänzend, wie positive selbstbezogene Informationen aus einem kompensierenden Bereich dazu beitragen können, dass eine Selbstwertbedrohung das bestehende Bild der eigenen Person nicht vollständig verändert.