1. Einstieg
Warum kann es meinen eigenen Wert verändern, ob ich mich zugehörig fühle?
Zugehörigkeit kann mehr bedeuten als die Frage, ob man Teil einer Gruppe, Beziehung oder Gemeinschaft ist. Angenommen zu werden, dazuzugehören oder einen selbstverständlichen Platz in einem sozialen Zusammenhang zu haben, kann auch die Einschätzung der eigenen Person verändern.
Umgekehrt kann Ausschluss weit über den Verlust eines Kontakts hinausreichen. Nicht berücksichtigt, nicht eingeladen oder nicht als Teil eines Zusammenhangs behandelt zu werden, kann sich wie eine Aussage über die eigene Person anfühlen. Dann betrifft Zugehörigkeit nicht nur die soziale Position.
Sie erhält selbstwertbezogene Bedeutung. Das eigene Wertgefühl kann sich damit verändern, obwohl Fähigkeiten, Leistungen oder andere persönliche Merkmale unverändert geblieben sind.
Entscheidend ist vielmehr die Erfahrung:
Bin ich Teil eines für mich bedeutsamen sozialen Zusammenhangs – und was bedeutet diese Zugehörigkeit für meinen eigenen Wert?
2. Definition
Was bezeichnet dieses Phänomen?
Zugehörigkeitsgebundene Selbstwertbildung bezeichnet Situationen, in denen die Bewertung des eigenen Wertes wesentlich davon beeinflusst wird, ob Zugehörigkeit zu relevanten Personen, Gruppen oder sozialen Zusammenhängen erlebt wird.
Zugehörigkeit fungiert dabei als Quelle selbstwertbezogener Information.
Aufnahme, Einbindung oder soziale Verbundenheit können den eigenen Wert bestätigen oder stabilisieren. Ausschluss, Distanzierung oder der Verlust von Zugehörigkeit können ihn dagegen beeinträchtigen.
Dabei ist nicht jede Form von Zugehörigkeit automatisch selbstwertrelevant. Menschen können Teil zahlreicher Gruppen sein, ohne daraus eine bedeutsame Bewertung ihrer eigenen Person abzuleiten.
Der Phänomenkern entsteht dort, wo Zugehörigkeit und Selbstwert miteinander gekoppelt sind:
Ob und in welchem Maß die eigene Person dazugehört, beeinflusst, wie wertvoll sie sich selbst erlebt oder bewertet.
3. Erscheinungsformen
Wie kann sich das Phänomen zeigen?
Zugehörigkeitsgebundene Selbstwertbildung kann in engen Beziehungen ebenso auftreten wie in Freundeskreisen, Gruppen, Gemeinschaften oder anderen sozialen Zusammenhängen. Die selbstverständliche Einbindung in einen Freundeskreis kann beispielsweise nicht nur soziale Nähe vermitteln, sondern die eigene Person bestätigen.
Umgekehrt kann das Gefühl, zunehmend außen zu stehen, eine negativere Selbstbewertung auslösen, obwohl keine ausdrückliche Abwertung stattgefunden hat. Auch die Aufnahme in eine persönlich bedeutsame Gemeinschaft kann den eigenen Wert erhöhen, weil Zugehörigkeit selbst als positive Aussage über die eigene Person verarbeitet wird.
Das Phänomen kann sich beispielsweise darin zeigen, dass:
- soziale Einbindung die eigene Selbstbewertung stabilisiert,
- Ausschluss den eigenen Wert infrage stellt,
- die Aufnahme in eine relevante Gruppe als persönliche Bestätigung erlebt wird,
- der Verlust von Zugehörigkeit über den sozialen Verlust hinaus selbstwertmindernd wirkt,
- die Sicherheit des eigenen Wertes mit der Sicherheit sozialer Einbindung schwankt,
- oder Zugehörigkeit besonders wichtig wird, wenn sie als Zeichen persönlicher Anerkennung verstanden wird.
Gemeinsam ist diesen Situationen:
Die soziale Einbindung bleibt nicht äußerlich, sondern wirkt auf die Bewertung der eigenen Person zurück.
4. Differenzierung
Worin kann sich zugehörigkeitsgebundene Selbstwertbildung unterscheiden?
Art der Zugehörigkeit
Selbstwertrelevant können sehr unterschiedliche soziale Zusammenhänge sein.
Dazu gehören enge Beziehungen, Freundeskreise, Familienzusammenhänge, Gemeinschaften, Teams oder andere persönlich bedeutsame Gruppen.
Bedeutung der Bezugsgruppe
Nicht jede Zugehörigkeit besitzt denselben Einfluss.
Je stärker eine Person oder Gruppe für die eigene soziale Orientierung bedeutsam ist, desto stärker kann Zugehörigkeit dort selbstwertbezogene Wirkung entfalten.
Sicherheit der Zugehörigkeit
Zugehörigkeit kann als selbstverständlich und stabil oder als unsicher und jederzeit gefährdet erlebt werden.
Damit kann auch ihre Funktion für die Selbstbewertung unterschiedlich stabil sein.
Richtung der Wirkung
Zugehörigkeit kann den eigenen Wert bestätigen oder erhöhen.
Unsicherheit, Distanzierung oder Ausschluss können dagegen selbstwertmindernd wirken.
Stärke der Selbstwertbindung
Bei manchen Menschen bleibt die Wirkung auf einzelne soziale Situationen begrenzt.
In anderen Fällen kann die Zugehörigkeit zu einem bestimmten sozialen Zusammenhang zu einer zentralen Quelle der eigenen Wertbestimmung werden.
5. Abgrenzung
Was ist ähnlich, aber nicht dasselbe?
Was ist ähnlich, aber nicht dasselbe?
Raum 2 – Externalisierung der Bewertungsinstanz
Bei Raum 2 werden Reaktionen anderer zu einer äußeren Referenz dafür, wie die eigene Person bewertet wird.
Bei Raum 91 ist dagegen Zugehörigkeit selbst die relevante Quelle der Selbstwertbildung.
Andere müssen die eigene Person nicht ausdrücklich loben, bestätigen oder bewerten. Bereits die Erfahrung, aufgenommen oder ausgeschlossen zu sein, kann selbstwertbezogene Bedeutung besitzen.
Äußere Bewertung ≠ Zugehörigkeit als Selbstwertquelle.
Raum 3 – Relative Selbstwertermittlung
Bei Raum 3 wird der eigene Wert anhand der relativen Position gegenüber anderen bestimmt.
Raum 91 benötigt keine Rangordnung.
Es kann vollkommen ausreichen, Teil einer relevanten Gruppe zu sein. Entscheidend ist nicht, wie gut man innerhalb der Gruppe im Vergleich dasteht, sondern ob die Zugehörigkeit selbst den eigenen Wert beeinflusst.
Raum 89 – Leistungsgebundene Selbstwertregulation
Bei Raum 89 wird Leistung zur Quelle der Selbstwertregulation.
Raum 91 betrifft dagegen soziale Zugehörigkeit.
Beide können miteinander verbunden sein – beispielsweise wenn Leistung darüber entscheidet, ob jemand in einem sozialen Zusammenhang Anerkennung oder Aufnahme erfährt. Die unmittelbare Selbstwertquelle bleibt dennoch verschieden.
Raum 88 – Selbstwertschutz durch Entwertungsvermeidung
Wenn möglicher Ausschluss den eigenen Wert bedroht, kann eine Person Situationen vermeiden, in denen diese Erfahrung eintreten könnte.
Das wäre eine mögliche Verbindung zu Raum 88.
Raum 91 beschreibt jedoch nicht die Vermeidung der Entwertung, sondern die grundlegende Kopplung von Zugehörigkeit und Selbstwert.
Soziale Verbundenheit
Auch das Bedürfnis nach Kontakt, Nähe oder sozialer Einbindung ist nicht automatisch zugehörigkeitsgebundene Selbstwertbildung.
Eine Person kann unter fehlender Verbundenheit leiden, ohne daraus abzuleiten, selbst weniger wert zu sein.
Für Raum 91 ist deshalb die Rückwirkung auf die Bewertung der eigenen Person entscheidend.
6. Erklärungsoffenheit
Was die Beschreibung noch nicht erklärt
Dass Zugehörigkeit den eigenen Selbstwert beeinflussen kann, beschreibt zunächst das Phänomen.
Damit ist noch nicht erklärt, warum soziale Einbindung überhaupt zu einer Information über den eigenen Wert wird.
Warum kann Aufnahme als persönliche Bestätigung wirken?
Warum kann Ausschluss nicht nur sozial schmerzen, sondern die Bewertung der eigenen Person verändern?
Warum erhalten manche Gruppen oder Beziehungen erheblich mehr selbstwertbezogene Bedeutung als andere?
Und wodurch kann die Zugehörigkeit zu einem sozialen Zusammenhang den eigenen Wert stabilisieren, obwohl sich an persönlichen Eigenschaften oder Fähigkeiten nichts verändert hat?
Diese Fragen führen von der beobachtbaren Verbindung zwischen sozialer Einbindung und Selbstwert zu ihrer mechanistischen Erklärung.
Der gemeinsame Phänomenkern bleibt:
Zugehörigkeit oder Ausschluss beeinflussen die Bewertung der eigenen Person, weil soziale Einbindung selbst zu einer Referenz für den eigenen Wert wird.
Wie Orientierung innerhalb des Phänomenzugangs entsteht
Phänomenenzugang
↓
Familie 1 – Selbst & innere Orientierung
↓
Bereich 1 – Selbstbewertung & Selbstwert
↓
Raum 91 – Zugehörigkeitsgebundene Selbstwertbildung
↓
Zwei Verweise in zwei Subtypen, sowie ein ergänzender Verweis.

7. Mechanistische Erklärung
Welche Mechanismen erklären oder beeinflussen dieses Phänomen?
7.1 Direkte Perspektivvernetzung
Eine direkte Perspektivvernetzung bedeutet, dass der betreffende Mechanismus den Phänomenkern unmittelbar aus der spezifischen Perspektive seines Systems erklärt.
CORE → Zugehörigkeitsgebundene Selbstwertbildung
CORE erklärt unmittelbar, wie soziale Zugehörigkeit zu einer Referenz für den eigenen Selbstwert werden kann, sodass Einbindung, Anerkennung oder Ausschluss über ihre soziale Bedeutung hinaus die Bewertung der eigenen Person beeinflussen.

7.2 Ergänzende mechanistische Vernetzung
Ergänzende Verbindungen erklären nicht den gesamten PR. Sie zeigen zusätzliche Mechanismen, die seine Entstehung, Stärke, Stabilisierung, Ausprägung oder Folgen beeinflussen können.

MIRROR → Abhängigkeit von Rückversicherung
MIRROR erklärt ergänzend, wie Signale über den Fortbestand einer Beziehung oder sozialen Einbindung besondere Bedeutung erhalten können, wenn Zugehörigkeit den eigenen Selbstwert trägt und deshalb immer wieder abgesichert werden muss.
DECISION → Identitäts- & Zugehörigkeitspassung
DECISION erklärt ergänzend, wie Handlungsoptionen bevorzugt werden können, wenn sie zu einer relevanten sozialen Zugehörigkeit passen und dadurch deren Erhalt oder Bestätigung unterstützen.


PERCEPTION → Zugehörigkeitsstabilisierung
PERCEPTION erklärt ergänzend, wie Deutungen und Sichtweisen zusätzliche Stabilität erhalten können, wenn ihre Aufrechterhaltung soziale Zugehörigkeit absichert. Dadurch können zugehörigkeitskompatible Perspektiven länger bestehen bleiben.
