Phänomenzugang – Familie 1 – Bereich 1 – Raum 2 – Externalisierung der Bewertungsinstanz

1. Einstieg

Warum kann ich mich erst sicher einschätzen, wenn andere reagieren?

Du kannst selbst eine Vorstellung davon haben, wie du etwas gemacht hast, wie du auf andere wirkst oder wie du dich einschätzt – und trotzdem bleibt diese Einschätzung unsicher.

Erst wenn jemand zustimmt, Anerkennung zeigt, Interesse signalisiert oder auf andere Weise positiv reagiert, scheint die eigene Bewertung verlässlicher zu werden.

Bleibt eine solche Reaktion aus, kann Unsicherheit entstehen. Eine vorher noch plausible Einschätzung wirkt plötzlich weniger eindeutig. Vielleicht fragst du dich, ob du dich überschätzt hast, etwas falsch eingeordnet hast oder andere dich ganz anders sehen.

Dabei muss die Reaktion anderer nicht immer ausdrücklich erfolgen. Auch Aufmerksamkeit, Zustimmung, Resonanz, Lob, Nachfrage oder das Ausbleiben erwarteter Rückmeldung können Einfluss darauf gewinnen, wie sicher die eigene Einschätzung erscheint.

Das zentrale Phänomen liegt deshalb nicht einfach darin, dass die Meinung anderer wichtig ist.

Es liegt darin, dass äußere Rückmeldung zu einer maßgeblichen Referenz dafür wird, wie die eigene Person bewertet wird.

3. Erscheinungsformen

Wie kann sich das Phänomen zeigen?

Externalisierte Selbstbewertung kann in sehr unterschiedlichen Situationen auftreten.

Eine eigene Leistung kann zunächst zufriedenstellend erscheinen. Erst eine positive Reaktion anderer macht die Einschätzung jedoch wirklich sicher.

Nach einem Gespräch kann der eigene Eindruck zunächst stimmig sein. Wenn die andere Person anschließend distanziert oder ungewöhnlich zurückhaltend reagiert, beginnt die eigene Einschätzung zu kippen.

Auch das Ausbleiben von Rückmeldung kann bedeutsam werden. Wo Zustimmung, Anerkennung oder Resonanz erwartet wurde, kann fehlende Reaktion als Hinweis darauf verarbeitet werden, dass die eigene positive Einschätzung möglicherweise nicht gerechtfertigt war.

Umgekehrt kann äußere Bestätigung Unsicherheit schnell reduzieren. Lob, Zustimmung oder sichtbare Anerkennung verändern dann nicht unbedingt die zugrunde liegende Leistung oder Eigenschaft – wohl aber die Sicherheit, mit der sie der eigenen Person zugeschrieben wird.

Das Phänomen kann sich deshalb unter anderem darin zeigen, dass:

  • die eigene Einschätzung nach Rückmeldungen deutlich sicherer oder unsicherer wird,
  • Anerkennung benötigt wird, damit eine positive Selbstbewertung Bestand hat,
  • fehlende Resonanz Zweifel an einer vorher plausiblen Selbsteinschätzung auslöst,
  • die Reaktionen bestimmter Personen besonders stark ins Gewicht fallen,
  • oder die eigene Bewertung immer wieder daran geprüft wird, wie andere reagieren.

Gemeinsam ist diesen Erscheinungsformen nicht die konkrete Art der Rückmeldung.

Gemeinsam ist, dass äußere Reaktion erheblichen Einfluss darauf erhält, welche Selbstbewertung als glaubwürdig oder verbindlich erlebt wird.

5. Abgrenzung

Was ist ähnlich, aber nicht dasselbe?

Interne Bewertungsinstabilität

Bei PR-001 – Interne Bewertungsinstabilität liegt das zentrale Problem darin, dass die eigene Bewertung keine ausreichend stabile innere Referenz bildet.

Bei PR-002 liegt der Schwerpunkt dagegen darauf, woher die maßgebliche Bewertungsreferenz stammt.

Die beiden Phänomene können gemeinsam auftreten, sind aber nicht identisch:

PR-001: Die eigene Bewertung bleibt instabil.
PR-002: Äußere Reaktion wird zur relevanten Bewertungsinstanz.

Relative Selbstwertermittlung

Bei PR-003 – Relative Selbstwertermittlung wird der eigene Wert anhand der relativen Position gegenüber anderen bestimmt.

Dabei lautet die zentrale Frage beispielsweise:

Wie stehe ich im Vergleich zu anderen da?

Bei PR-002 muss dagegen kein Vergleich stattfinden.

Die Reaktion einer anderen Person kann bereits deshalb relevant sein, weil sie als äußere Bestätigung oder Bewertung der eigenen Person dient.

Fremdreaktion ist deshalb nicht dasselbe wie sozialer Vergleich.

Zugehörigkeitsgebundene Selbstwertbildung

Bei PR-091 – Zugehörigkeitsgebundene Selbstwertbildung beeinflusst die Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder einem sozialen Zusammenhang den eigenen Wert.

PR-002 ist allgemeiner auf die äußere Bewertungsinstanz gerichtet.

Eine Person kann deshalb stark auf Anerkennung oder Rückmeldung reagieren, ohne dass die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe selbst die Grundlage ihres Selbstwertes bildet.

Sozialer Bewertungsdruck

Auch sozialer Bewertungsdruck ist nicht dasselbe wie externalisierte Selbstbewertung.

Die Erwartung, von anderen beurteilt zu werden, kann Verhalten verändern: Man passt sich an, vermeidet bestimmte Handlungen oder versucht, einen bestimmten Eindruck zu erzeugen.

Bei PR-002 steht dagegen nicht primär die Verhaltenssteuerung im Mittelpunkt.

Entscheidend ist:

Die Reaktion anderer beeinflusst, wie die eigene Person selbst bewertet wird.

Wie Orientierung innerhalb des Phänomenzugangs entsteht

Phänomenenzugang
↓
Familie 1 – Selbst & innere Orientierung
↓
Bereich 1 – Selbstbewertung & Selbstwert
↓
Raum 2 – Externalisierung der Bewertungsinstanz
↓
Zwei Verweise in zwei Subtypen, sowie ein ergänzender Verweis.

7.1 Direkte Perspektivvernetzung

Eine direkte Perspektivvernetzung bedeutet, dass der betreffende Mechanismus den Phänomenkern unmittelbar aus der spezifischen Perspektive seines Systems erklärt.

MIRROR → Externalisierung der Bewertungsinstanz

MIRROR erklärt unmittelbar, wie soziale Reaktionen zu einer äußeren Bewertungsreferenz werden und dadurch beeinflussen, wie sicher oder verbindlich die eigene Einschätzung der eigenen Person erlebt wird.

7.2 Ergänzende mechanistische Vernetzung

Ergänzende Verbindungen erklären nicht den gesamten PR. Sie zeigen zusätzliche Mechanismen, die seine Entstehung, Stärke, Stabilisierung, Ausprägung oder Folgen beeinflussen können.

PERCEPTION → Soziale Konsensbestätigung

PERCEPTION erklärt ergänzend, wie übereinstimmende Rückmeldungen anderer eine Einschätzung plausibler erscheinen lassen und dadurch eine extern gestützte Selbstbewertung zusätzlich stabilisieren können.